Vortrag zu Schrift und Typografie in der DDR im Stadtmuseum Halle

Vortrag am 20. September 2018 um 18:00 Uhr in Halle/Saale
Makrokosmos im Mikrokosmos – Schrift und Typografie in der DDR

Die Ausstellung Masse und Klasse. Gebrauchsgrafik in der DDR wandert von Berlin über Eisenhüttenstadt nun auch nach Halle an der Saale! Halle war neben Berlin und Leipzig – vor allem dank der Burg Giebichenstein – ein wichtiges Zentrum für Gebrauchsgrafik in der DDR. Erstmals wird dieser wichtige Aspekt künstlerischer Arbeit im Stadtmuseum in Halle in einer Sonderausstellung aufgearbeitet. Im Zentrum stehen Plakate – unter anderem entworfen von Helmut Brade –, Buch- und Zeitschriftencover, Verpackungen, Logos, Briefmarken und Spielkarten aus den Jahren 1945–1990, die in Halle entworfen wurden und die auch heute noch für die Bedeutung des halleschen Designs in der DDR stehen.

Die Kuratorin Ruth Heftrig lud mich ein, um im Rahmen der Ausstellung über Schrift und Typografie in der DDR zu referieren. Der Vortrag beginnt um 18 Uhr im Stadtmuseum Halle. Die Ausstellung ist an diesem Tag übrigens durchgehend bis zum Vortrag geöffnet.


Ein Nachruf auf den Buchgestalter Lothar Reher

»Ich war so auf der Suche nach Form, Inhalt, nach einer Weltanschauung.«

Am 6. April verstarb mit 85 Jahren der Buchgestalter Lothar Reher. Ich lernte ihn 2014 während meines letzten Studienjahres kennen, als ich im Rahmen meiner Abschlussarbeit ein Interview mit ihm führte. Seine aufgeschlossene Art und seine Berliner Schnauze machten großen Eindruck auf mich. Als ich nun gefragt wurde, ob ich seinen Nachruf schreiben möchte, war ich unsicher. So etwas habe ich bisher noch nie gemacht. Aber dann erinnerte ich mich an eine Bemerkung von ihm, die ich mir auch heute noch wie ein Mantra in den passenden Situationen ins Gedächnis rufe: »Wenn mal jemand fragt, ob Sie etwas können und das ist eine tolle Sache, dann ist es egal, ob Sie das schon einmal gemacht haben. Das spielt gar keine Rolle. Sie sagen erst einmal ja.«

Lothar Reher wurde 1932 in Marienburg in Westpreußen (heutiges Polen) geboren und zog mit seiner Familie noch vor dem Krieg nach Berlin. Bereits mit vierzehn Jahren musste er die Schule verlassen, um Geld zu verdienen. So begann er mehr durch Zufall in einer Druckerei eine Ausbildung zum Akzidenzsetzer und schloss dort seinen Meister ab, obwohl er in den chaotischen Nachkriegsjahren »öfter auf dem Schwarzmarkt Kartoffeln holte« als in der Druckerei anwesend war.

Reher war ein Selfmademan: Sein umfangreiches gestalterisches Wissen eignete er sich autodidaktisch an. Fragte man ihn nach seinem Werdegang, klang alles ganz einfach und zufällig. Doch hörte man genau hin, konnte man vor dem Hintergrund der Aufbruchsstimmung der 50er Jahre den Ehrgeiz des jungen Mannes aus einfachen Verhältnissen erahnen: »Ich war so auf der Suche nach Form, Inhalt, nach einer Weltanschauung.« 

Gefragt nach seinen gestalterischen Vorbildern beschreibt Reher seinen damaligen Arbeitsweg entlang der Prenzlauer Allee. Dort entdeckte er das Plakat, welches Klaus Wittkugel für die Ausstellung »Qualität« entworfen hatte. Völlig entzückt von der formalen Kraft und der ungewöhnlich Schriftwahl wusste der junge Setzerlehrling, was er einmal werden wollte, ohne dafür einen eigenen Begriff zu haben: Gebrauchsgrafiker. »Als ich dann später in den Verlag kam« so schilderte Reher seinen Einstieg im Jahr 1951 bei dem auf internationale Literatur spezialisierten Verlag Volk und Welt, »ging die Tür auf und einer sagte, Klaus, wir haben hier einen neuen Mitarbeiter. Dann hat er mich vorgestellt und gesagt, dit is Herr Wittkugel. Da habe ich gedacht, ich bin hier absolut richtig!« 

Und das war er! Reher arbeitete pausenlos und erklomm Schritt für Schritt die Karriereleiter: Vom Hilfshersteller zum künstlerischen Berater zum künstlerischen Leiter, eine Stelle, die er von 1964 bis 1979 inne hatte.

Was Piatti für den Deutschen Taschenbuch Verlag und Fleckhaus für Suhrkamp waren, wurde er für Volk und Welt. Als Künstlerischer Leiter prägte Reher das visuelle Erscheinungsbild des Verlags. Vor allem die Taschenbuchreihe Spektrum, die ab 1968 erschien, machte ihn bekannt: Bis auf eine Ausnahme gestaltete er alle Cover selbst – insgesamt über 270 Bücher. Dabei wollte er die Reihe ursprünglich nicht einmal selbst entwerfen. Er gab den Auftrag an drei externe Grafiker, war aber mit keinem ihrer Vorschläge zufrieden.

»Es geht darum, dass der Umschlag sowohl zur Reihe als auch zum Buch passt und dass jedes Buch in der Lage ist, der Reihe etwas Neues hinzuzufügen und sie damit fortzuschreiben.« Eine Buchreihe erfordert eine wiedererkennbare Gestaltung – heute würde man es Corporate Design nennen. Reher wählte einen schwarzen Grund, darauf weiß gesetzte Garamond, ein Schnitt, ein Grad. Doch innerhalb dieserminimalistischen Konstanten gelang es ihm, die Einzigartigkeit eines jeden Titels erfahrbar zu machen. Jedes Cover erhielt eine eigene Collage oder Fotomontage, welche er ebenfalls selbst entwarf und die mal satirisch mal sinnlich, aber immer expressiv waren. Der schwarze Einband – auch wenn durch den mangelhaften Druck in der DDR mitunter eher grau – wurde zum Namensgeber der »Schwarzen Reihe« und ihr Abwechslungsreichtum macht sie bis heute zum Sammlerstück.

Über den Lauf der Jahre sammelte auch Reher einen ganzen Fundus an Requisiten an, die er für seine Spektrum-Cover nutzte. Sie stammten aus Antiquitätenläden und Wohnungsauflösungen. Nachdem er sein Atelier aufgab, landeten sie in seiner Pankower Wohnung und wurden Teil seines Mobiliars. Während unseres Interviews schaute der Totenschädel – Rehers Lieblings-Motiv – auf uns herab.

Auf die Spektrum-Reihe folgten zahlreiche weitere Projekte bei Volk und Welt: Lyrik international (die dann zur »Weißen Reihe« wurde), ex-libris und auch bei anderen Verlagen war Reher als Gestalter gefragt. Für die Gustav Kiepenheuer Bücherei entwarf er Schutzumschläge und für das Leipziger Verlagshaus Reclam überarbeitete er in den 60er Jahren das Erscheinungsbild der Universal Bibliothek.

Reher arbeitete viel und am liebsten gleichzeitig an verschiedenen Projekten. »Wenn ich einmal eine einzige Idee haben soll, breche ich ein, das wird nichts. Wenn ich aber schon hundert Ideen habe, bin ich total souverän und kann im Nu hundert weitere auf den Tisch legen.« War die Idee einmal da, brauchte er für die Umsetzung nur knapp eine Woche.

Mehr als einmal legte er sich mit dem Verlag an, um seine Ideen umsetzen zu können. Reher nannte sich selbst einen Spieler. Ich sah in ihm vielmehr einen souveränen Gestalter, der von seiner Arbeit überzeugt war und sich argumentativ durchzusetzen wusste. Seine mitunter provokanten Spektrum- Cover zeugen davon.

Reher war ein »Macher« und kein Theoretiker seines Tuns. Dennoch beweisen vor allem seine frühen Arbeiten seine Stärke im konzeptuellen Gestalten. Seine Bücher zeugen nicht von einem handwerklich peniblen und detailverliebten Umgang mit Schrift, wie man es bei Axel Bertram oder Gert Wunderlich findet. Im Mittelpunkt stand die Idee. Das Resultat sind frische, zeitlose Bücher, die auch heute noch innovativ sind. Wie das Kinderbuch »Ich will euch was erzählen« für welches Reher nicht die führenden Illustratoren der DDR engagierte, obwohl er durchaus über die Kontakte verfügte, sondern Kinder mit dem Zeichnen beauftragte.

Lothar Reher hinterließ keinen eigenen Werk-Katalog. Will man in den Genuss seiner Arbeiten kommen, bleibt nur der Weg ins Antiquariat. Das ist bedauerlich, denn sein unnachahmlicher Stil ist mitunter frischer als der zeitgenössischer Buchgestalter. Ich habe nur drei Stunden mit Lothar Reher verbracht. Doch mit seinen Worten möchte ich sagen: »Das war mindestens ein Semester wert oder sogar zwei.«


Aller guten Dinge sind drei!

Februar 2018
Works & Nights
Band 2 und 3 sind da!

Zu Beginn des Jahres erschienen kurz nacheinander Band 2 und Band 3 der Theorie-Taschenbuchreihe von Works & Nights. Während der zweite Band mit intensivem Himbeerrot Lust auf den Jahreszeitenwechsel macht, fügt sich der dritte Band farblich in das derzeitige Klima. So oder so passen sie in jede Wintermanteltasche.

Mehr Infos zu den beiden Bücher gibt es hier.

Bestellen kann man direkt bei Works & Nights oder im Buchhandel.


Eine Richtigstellung in den Marginalien

September 2017
»In der DDR-Diktatur (…) stagnierte die Typografie«? – Eine Richtigstellung
Beitrag im 226. Heft der Marginalien

Im 226. Heft der Marginalien, der Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, findet sich auch ein Beitrag von mir. Er trägt den Titel »In der DDR-Diktatur (…) stagnierte die Typografie«? – Eine Richtigstellung und widerlegt anhand diverser Beispiele den Eindruck, in der DDR habe es keine ausgeprägte typografische Entwicklung gegeben.
Der Beitrag ist aus meiner Master-Abschlussarbeit Die Kunst des Alltags – Grafikdesign in der DDR hervorgegangen, für die ich auch mit namhaften Grafikern und Grafikerinnen, die in der DDR tätig waren, Interviews geführt habe.

Die Marginalien werden herausgegeben von der Pirckheimer-Gesellschaft. Gegründet 1956 unter dem Dach des Kulturbundes der DDR ist sie jahrzehntelang die größte bibliophile Gesellschaft im deutschsprachigen Raum. Die Gestaltung des Heftes übernahm Matthias Gubig.

Hier findet sich eine Leseprobe meines Beitrags.
Und hier kann die Marginalien-Ausgabe bestellt werden.

 


Lettering – Vom Zeichnen, Malen und Kratzen von Schrift

23. und 24. September 2017
6. Walbaum-Wochenende in der Pavillon-Presse Weimar
zum Thema Lettering

Im Zeitalter der getippten Texte erlebt die Kunst der geschriebenen und gezeichneten Schrift gerade eine Renaissance. Zum 6. Walbaum-Wochenende in der Pavillon-Presse luden wir Lettering-Künstler und Kalligrafen aus dem deutschsprachigen Raum ein, die in Vorträgen einen Einblick in ihr Handwerk gaben.

Ich gab eine Einführung in das Thema Lettering und zeigte auf, dass sowohl Feder, Schnitzbeitel als auch Spraydose und Tätowiernadel dabei zum Einsatz kommen können. Hannah Meyer und Eric Jentzsch von der Weimarer Bürogemeinschaft Hüftstern stellte eigene Projekte aus dem Lettering-Bereich vor und erzählten vom Reiz analoger und digitaler Kombinationsmöglichkeiten. Die Schriftgestalterin Ulrike Rausch präsentierte ihre detailverliebten Script-Fonts mit ausgefeilten Open Type Features und appellierte an die Typografen diese auch zu nutzen. Die Kalligrafin und Lettering-Expertin Petra Beiße sprach über die Ausdruckskraft der unterschiedlichsten Schreibwerkzeuge und veranschaulichte am Beispiel eigener Handlettering-Projekte ihre Arbeitsweise vom ersten Entwurf bis zur Realisation. Am Sonntag zeigte sie anschließend den Teilnehmenden, wie man den Strich einer Spitzfeder zeichnerisch umsetzt und welchen Regeln Schnörkel in der Schrift folgen.


Vortrag über Typografie in der DDR

Vortrag am 29. Juni 2017 um 18:00 Uhr in Eisenhüttenstadt
Makrokosmos im Mikrokosmos – Schrift und Typografie in der DDR

Am Donnerstag, dem 29. Juni 2017 spreche ich im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR in Eisenhüttenstadt über Typografie als grundlegendes und zugleich ungemein vielfältiges Element von Alltagsdrucksachen in der DDR. Von der Antiqua über die Grotesk bis hin zu Fraktur und Rotunda: Der Um­gang mit Schrift war in der DDR breit gefächert und abwechslungsreich. Schrift wurde geschrieben, gezeichnet, gemalt, ge­setzt – sowie geschnitten und geklebt.

Im Vortrag unternehme ich einen visuellen Streifzug durch die Typografiegeschichte der DDR und stelle dabei namhafte Gestalter wie Klaus Witt­kugel, Werner Klemke, Albert Kapr, Axel Bertram oder Sonja und Gert Wunderlich mit ihren Arbeiten und Arbeits­weisen vor.

Mein Vortrag ist eingebettet in die neue Sonderausstellung Masse und Klasse. Gebrauchsgrafik in der DDR im Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR und präsentiert Gestaltungen von Büchern, Zeitschriften und Schallplatten sowie von Produktverpackungen, Reklame­erzeugnissen und Plakaten – gebrauchsgrafische Arbeiten, die in ihrer massenhaften Verbreitung den visuellen Alltag der DDR prägten. Der Besuch ist kostenfrei.

Mehr Informationen

 

Von links oben nach rechts unten: Plakat von Klaus Wittkugel zum Film Das kalte Herz, VEB Progress-Filmvertrieb, 1950. Schreibmusterblatt von Axel Bertram für die DEWAG Betriebsberufsschule John Heartfield in Wandlitz Berlin, 1981/82. Plakat von Rudolf Grüttner zum Stück Faust, Staatsschauspiel Dresden, 1970. Plakat von Gert Wunderlich zur Internationalen Buchkunstausstellung (iba), 1971.


100 Titel nach 2001: Eine Buchreihe entsteht

2. Juni 2017
Works & Nights geht online!

Die Buchreihe Works & Nights ist eine Expedition für die lesenden und schreibenden Fächer. Der erste Band Theorie. 100 Bücher nach 2001 erscheint im Juli 2017. Er ist eine Bestandsaufnahme, ein Versprechen und ein Wagnis. Allerorten wird das Ende der Theorie deklariert, erzählt, diskutiert. Das Buch blickt nicht zurück, es lädt zu einer Erkundung von Gesellschaftsdiagnosen und Deutungskonflikten im 21. Jahrhundert. Ein einleitender Essay kartiert das Terrain: Wo liegen neue Akzente? Wo setzen gegenwärtige theoretische Bemühungen an? Die Reading List ist Einladung zur Lektüre und Kritik.

Die Internetseite wurde nun freigeschaltet und lädt ein, die Entstehung der neuen Buchreihe zu verfolgen und gibt die Möglichkeit, den ersten Band vorzubestellen.

Ich stehe den Herausgebenden bei der Gestaltung zur Seite und entwickelte das Erscheinungsbild des Projektes und der Buchreihe. Die Gestaltung und Umsetzung der Webseite übernahm Andreas Waldmann.

Zur Internetseite von Works & Nights
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